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Protestieren Lehrer nur wegen einer Stunde Mehrarbeit?

Was da gerade passiert wird gerne so zusammengefasst: „Oh, die armen Beamten, müssen nun 45 Minuten Mehrarbeit leisten.“ – Oft noch begleitet vom Unwissen darüber, dass auch Lehrkräfte einer 40-Stunden-Woche unterliegen, ein Teil davon sind 27 oder 28 Stunden Unterrichtsverpflichtung. Dies ist eine für uns alle gefährliche Unterschätzung des Themas.
Seit Jahren warnt der BLLV/NLLV vor dem drohendem Lehrermangel, so manchem Politiker war in der Opposition noch völlig klar, wohin das Ganze führt. Nun war es schnell vergessen, geht man selbst in Verantwortung.

Geblieben sind die Probleme, die an Grund-, Mittel- und Förderschulen schon lange beschäftigen. Über die geforderte Stunde Mehrarbeit lächeln viele Kolleginnen und Kollegen müde: viel Zeit packen sie schon seit Jahren auf die Regelarbeitszeit drauf, damit man den Schülerinnen und Schülern und all den neuen Themenfeldern, die in den letzten Jahren hinzugekommen sind, noch gerecht wird.

Es ist ganz und gar kein Geheimnis mehr, dass die Mehrzahl der Kolleginnen und Kollegen in Teilzeit gehen und damit auf Geld verzichten, weil sie durch geringere Unterrichtsverpflichtungen erhoffen, zumindest allen anderen Aufgaben um den Unterricht herum sowie den Schülerinnen und Schüler gerecht zu werden. Immer mehr Kolleginnen und Kollegen halten dem Druck, der gravierend durch Personalmangel verursacht wird, nicht mehr Stand. Die Zahl der Erkrankungen steigt. Sicher kennen auch Sie genügend Beispiele und sicher kennen Sie auch persönlich Kolleginnen und Kollegen vor Ort, wissen, dass diese ihr Möglichstes tun.

Zu Beginn des Schuljahres wurde von Minister Piazolo beschwichtigt, vor jeder Klasse wird ein Lehrer stehen. Wissend, dass dies längst nicht mehr genügt. Nun, ein halbes Jahr später „entdeckt“ man den eklatanten Mangel.
Die einzige Lösung ist, denen, die eh schon vor Ort seit Jahren alles auffangen, noch mehr aufzubürden? Sieht so der Plan aus, um die hervorragende Bildungsqualität an unsere Grund-, Mittel- und Förderschulen zu erhalten? Diese drei Schularten haben bereits die höchste Unterrichtsverpflichtung (zum Vergleich: Grundschule 28, Gymnasium 23). Alle Gruppen von Lehrern werden in A 13 bezahlt – nur nicht die Grund- und Mittelschullehrer.
Die Angst der Kolleginnen und Kollegen, die bislang bewusst 16 Stunden arbeiteten und nun 24 Stunden plus eine weitere Stunde arbeiten müssen, also satte 9 Stunden mehr, ist groß. Diese für sie so einschneidende Information bekamen sie zuerst aus der Presse oder aus dem Rundfunk. Ausgerechnet die dienstälteren Kolleginnen und Kollegen, die den vorgezogen Ruhestand mit 64 als Zielmarke sahen, werden nun nochmals abgestraft, Sie hatten mehr Unterricht zu erteilen, haben schlechter verdient als die Kolleginnen und Kollegen in anderen Schularten, nun „dürfen“ sie auch noch später in den Ruhestand. Sabbatical gibt es auch nur noch in anderen Schularten.

Unsere Kolleginnen und Kollegen, Fachlehrer, Förderlehrer, Verwaltungsangestellte, sie alle sehen tagtäglich die Not der Versorgung, ärgern sich zurecht massiv darüber, dass die Warnungen nicht erhört wurden. Es wurde einfach weitergemacht und nun sollen es genau die, bei denen die Belastung bereits seit Jahren enorm hoch ist, alles allein ausbaden.
Allein? Nein!
Ganz erheblich treibt uns alle die Sorge um das Thema Bildungsqualität um. Alle wissen, dass die Investition in diesen Schularten wichtig und wertvoll ist, für die gesamte Gesellschaft. Dass die Not der Mittelschule verständlicherweise viele Eltern dazu drängt, ihre Kinder „ja nicht an der Mittelschule“ zu belassen. Das Ergebnis kennen wir alle. Wir verlieren so viel, wenn wir nicht endlich systematische Lösungen angehen: Steigerung der Attraktivität der Lehrerberufe im Bereich der Grund- und Mittelschule, Veränderungen in der Lehrerausbildung und Verbesserungen der Situationen vor Ort.

Bildung braucht Motivation – das wissen wir alle: Schüler, Eltern, Lehrer. Die Kolleginnen und Kollegen der Grund-, Mittel- und Förderschulen sehen ihre Schularten in Punkto Bildungsqualität in größter Gefahr. Das bereits ausgewrungene Handtuch noch enger zu packen, wird einfach nicht genügen. Das dürfen wir nicht zulassen! Ebenso wenig wie die Ungleichbehandlung in Punkto Bezahlung bei den Lehrkräften. Selbst ein vergleichbar armes Land wie Thüringen besoldet seine Lehrkräfte in GS und MS in A13 – ist es in dem reichen Land Bayern nicht endlich an der Zeit, den Grund- und Mittelschullehrern zumindest diese Anerkennung zuteil werden zu lassen? Sie werden den von der Politik in den Dreck gesetzten Karren rausziehen müssen. In unser aller Sinne, vor allen Dingen im Sinne unserer Schülerinnen und Schüler dürfen wir diese Fakten nicht ignorieren.
Am Freitag treibt es viele hunderte Menschen auf die Straße, um 15.30 Uhr vor die Lorenzkirche. Verschiedene Bezirksverbände des BLLV, der NLLV und die GEW werden gemeinsam mit Eltern, Lehrerinnen und Lehrern, auch Erziehern und Drittkräften ihre Position deutlich machen und sich Gehör verschaffen. Ganz sicher nicht wegen der Erhöhung einer Unterrichtsstunde für Grundschullehrer. Es ist das Paket an Mangelverwaltung, welches immer größere Löcher reißt. Eine Stunde mehr würde der Schüler wohl auch nicht merken, wohl aber die ständigen Ausfälle, das ständige Kürzen an Themen und Inhalten, die für unserer Kinder und für die künftige Gesellschaft grundlegendes Gewicht haben.
Frühzeitig investieren und weitsichtig planen, endlich Systeme umstellen, die immer wieder beweisen, dass sie nicht oder nicht mehr funktionieren, das muss unsere Devise sein. Das gilt ganz klar auch für unsere Fachlehrer, Förderlehrer, Drittkräfte, Erzieher, Sozialpädagogen, Verwaltungsangestellte!
Im Sinne unserer Schüler brauchen wir dringend Ihre Unterstützung! Helfen Sie uns, den Fokus auf das Thema zu setzen! Das geht alle an.

Sandra Schäfer

1. Vorsitzende Nürnberger Lehrer- und Lehrerinnenverein

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